Motiviertes Lernen zu Hause anleiten

Martin Daumiller, Kristina Loderer, Markus Dresel

Der vorliegende Beitrag stellt eine leicht gekürzte Fassung eines auf einer Website der Deutschen Gesellschaft für Psychologie erschienen Texts dar, die psychologische Hilfen während der Corona-Krise zur Verfügung stellt (Link)

 

Unterricht zu Hause ist mit großen praktischen Herausforderungen und oftmals auch Belastungen für Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler sowie Eltern verbunden. Wegen der oft geringeren Strukturierung und der wegfallenden persönlichen Kontakte bleibt die Motivation der Schülerinnen und Schüler dabei häufig auf der Strecke. Hinzu kommt, dass das Lernmaterial selbst oft nur eine Notlösung darstellt, nicht unmittelbar auf digitalen Unterricht hin konzipiert ist und Lehrkräfte nicht immer umfassend für entsprechende Unterrichtsformen ausgebildet sind. Dabei laufen gerade Schülerinnen und Schüler, die zu Hause nur wenig unterstützt werden, Gefahr, demotiviert und abgehängt zu werden. Selbst erfahrene Lernende sowie Studierende sind in der aktuellen Situation häufig mit Motivationsproblemen konfrontiert. Essenziell ist es daher, dass Lehrkräfte stets die Motivation der Schülerinnen und Schüler im Blick haben und sich die besonderen motivationalen Herausforderungen des Home-Schoolings bewusst machen. Wichtig ist, die Lernaktivitäten daheim so anzuleiten, dass die Schülermotivation gewährleistet oder sogar befördert wird, und zusätzliche Angebote und Hilfen einzuplanen, die die Situation für die Schülerinnen und Schüler verbessern.

 

Dies gilt auch, wenn die Schülerinnen und Schüler “in Teilzeit” zurück in der Schule sind.

Die Pädagogische Psychologie liefert eine breite und wissenschaftlich fundierte Palette an Hinweisen zur motivationsförderlichen Gestaltung von Unterricht, die für das Lernen zu Hause und zur Motivierung der Schülerinnen und Schüler hilfreich sein können. In diesem Beitrag haben wir einige Hinweise und Tipps dazu zusammengestellt, die als Anregung für Lehrkräfte dienen können. Mit der Berücksichtigung dieser Tipps kann in der aktuellen Situation aus einer Notlösung eine produktive Lerngelegenheit werden.

Empfehlenswert ist es, diese Hinweise dauerhaft als durchgehendes Prinzip umzusetzen, auch wenn sicherlich nicht alles gleichzeitig realisiert werden kann.

Inhalte: Attraktive, relevante Lerninhalte, kognitiv aktivierend aufbereitet

  • Berücksichtigen Sie individuelle Ausgangsmotivationen und Interessen (z.B. Vorinteressen an Themengebieten erfragen und darauf basierend Lerninhalte auswählen).

  • Bauen Sie Aufgaben auf wichtigen Themen des persönlichen (oder zukünftigen) Lebens der Schülerinnen und Schüler auf und fügen Sie Erläuterungen hinzu, wieso die Aufgaben relevant für diese sind.

  • Nutzen Sie die aktuelle Situation und digitalen Unterricht als Gelegenheit, um neue Interessen zu entwickeln (z.B. Lernende selbstständig neue Themen entdecken lassen oder sie selbst Lernmaterialien/Inhalte jenseits des Lehrstoffs erstellen lassen, etwa in Form von Quizzes zu Wissenssendungen, Erklärvideos oder Lehrtexten für andere Schülerinnen und Schüler).

  • Zielen Sie nicht nur auf Fachwissen (Lernen zu Hause ist eine gute Gelegenheit, um breitgefächerte Skills wie etwa Kompetenzen zum selbstregulierten Lernen zu entwickeln; hierbei ist jedoch Unterstützung durch die Lehrkraft nötig).

  • Nutzen Sie unterschiedliche Methoden und Zugänge (z.B. Videos, Diskussionsgruppen, Texte, kollaboratives Lernen – dies trägt dazu bei, das Interesse aufrechtzuerhalten).

  • Lassen Sie künstlerische, musische und sportpraktische Inhalte nicht außer Acht.

  • Passen Sie die Lernmaterialien und Aufgaben möglichst gut an die Fähigkeiten der einzelnen Lernenden an (Individualisierung und Leistungsdifferenzierung: für den/die Einzelne/n nicht zu schwer, aber auch nicht zu leicht; ratsam ist auch, Hilfen anzubieten, die die Schülerinnen und Schüler bei Bedarf nutzen können, z.B. Videoerklärungen der Lehrkraft).

  • Unterstützen Sie das Kontrollerleben der Lernenden, indem Sie einen Fokus auf jene Aspekte legen, welche die Schülerinnen und Schüler selbst steuern können – wie beispielsweise ihre Anstrengung (Selbsteinschätzungen zu aufgewandter Zeit und Mühe fördern die adäquate Selbstwahrnehmung), ihre eingesetzten Lernstrategien (incl. Lerngeschwindigkeit, Workload, Zeitmanagement) sowie ihre Einstellungen (zur aktuellen Situation, der Art des Lernens, den Aufgaben).

Feedback und Bewertung: Häufiges und anstrengungsbezogenes Feedback, Bewertung individueller Lernfortschritte

  • Stellen Sie sicher, dass jede Schülerin und jeder Schüler regelmäßig und häufig Feedback erhält (zudem sollten Sie den Lernenden klarmachen, dass es in Ordnung ist, Feedback auch einzufordern).

  • Kommunizieren Sie Ziele und Voraussetzungen von Anfang an klar, nutzen Sie konsistente, offengelegte Bewertungsschemata (Standards und Bewertungskriterien).

  • Geben Sie den erwarteten Zeitumfang für zentrale Schritte eines Arbeitsauftrags an.

  • Wertschätzen Sie die Zeit und Mühe, die für Arbeitsaufträge aufgewandt werden (dies ist häufig mehr als angenommen).

  • Geben Sie möglichst unmittelbares Feedback bezüglich der erledigten Aufgaben und des Fortschritts der Schülerinnen und Schüler.

  • Geben Sie formatives Feedback während des Lernprozesses (z.B. anhand folgender Fragen: 1. Was ist das Lernziel? 2. Was wurde bereits gelernt, wie ist der aktuelle Stand im Lernprozess? 3. Was ist noch notwendig, um das Lernziel zu erreichen, und wie kann dies unterstützt werden?).

  • Räumen Sie idealerweise nach einem Feedback eine Überarbeitungsmöglichkeit für Aufgaben ein (neben dem unbedingt nötigen Feedback von der Lehrkraft können auch Selbsteinschätzungen und Peer-Feedback hilfreich sein).

  • Prüfen Sie im Rahmen eines differenzierten Ansatzes zudem, welche Probleme zu Hause auftreten könnten (z.B. Geschwister, Lernmaterialien, Internet) und unterstützen Sie wenn möglich.

Autonomie: Wahlmöglichkeiten und Eigenverantwortung

  • Sehen Sie Freiheiten und Wahlmöglichkeiten für die Schülerinnen und Schüler vor (z.B. Wahl von Inhalten, Aufgaben, Lernmaterialien, Methoden und Strategien der Bearbeitung, individuelle Lernpfade).

  • Ermöglichen Sie, dass die Lernenden explizit Verantwortung für ihr Lernen übernehmen.

  • Unterstützen Sie Selbstregulation und Zeitmanagement der Lernenden (z.B. Tages-Zeitplan festlegen: mit Auswahl von Lernelementen für den Tag, inkl. aktiver Nutzung von Pausen als Belohnungszeiten; eventuell unterstützt durch Lerneinheiten dazu, etwa Anleitung und Chat zur Erstellung von Zeitplänen).

  • Stellen Sie individuelle Fortschritte regelmäßig fest (z.B. durch E-Mails, individuelle Gespräche oder auch Gespräche mit anderen Lernenden; Schülerinnen und Schüler höherer Jahrgangsstufen können als Tutorinnen und Tutoren für jüngere Schülerinnen und Schüler fungieren).

  • Setzen Sie positives Feedback und Lob bewusst und ausreichend ein.

  • Ermöglichen Sie selbstgewählte Abgabedaten oder zumindest für manche Arbeitsaufträge zeitliche Flexibilität (z.B. auch in Form von Verlängerungen).

Sozial: Regelmäßiger Kontakt, kooperatives Lernen, Gruppenbildung

  • Fördern Sie soziale Gruppen und Austausch (bieten Sie den Schülerinnen und Schülern auch Zeit und Gelegenheit, sich mit Freunden zu verbinden, diese virtuell zu treffen und Lernfortschritte zu teilen).

  • Stellen Sie reichhaltige und lebhafte Kommunikation nicht nur zwischen Schülerinnen und Schülern, sondern insbesondere auch mit Ihnen als Lehrkraft sicher (Rund-E-Mails und Sammelnachrichten können dies in der Regel nicht leisten; dagegen ist es ratsam, Möglichkeiten der synchronen Kommunikation, wie z.B. Videokonferenz, oder der individuellen Kommunikation, wie z.B. Telefonat oder individuelle E-Mails, zu nutzen).

  • Zeigen Sie den Schülerinnen und Schülern, dass Sie sich persönlich für sie und ihre Lernfortschritte interessieren.

  • Initiieren Sie interaktives kooperatives Lernen (z.B. durch Nutzung von Foren, gemeinsamen Videoaustausch der Schülerinnen und Schüler, evtl. in Kleingruppen).

  • Ermöglichen Sie gemeinsame Wissenskonstruktion (dazu gehören Möglichkeiten, Lernmaterialien zu teilen, die gemeinsame Produktion von Lehrmaterialien sowie das kooperative Bearbeiten von authentischen Problemen).

  • Regen Sie die Schülerinnen und Schüler dazu an, sich in Form von Peer-Mentoring gegenseitig bei der Planung und Bearbeitung von Aufgaben zu unterstützen.

Quellen

  • Ames, C. (1992). Classrooms: Goals, structures, and student motivation. Journal of Educational Psychology, 84, 261–271. https://doi.org/10.1037/0022-0663.84.3.261

  • Benning, K., Praetorius, A. K., Janke, S., Dickhäuser, O. & Dresel, M. (2019). Das Lernen als Ziel: Zur unterrichtlichen Umsetzung einer Lernzielstruktur. Unterrichtswissenschaft, 47, 523–545. https://doi.org/10.1007/s42010-019-00054-7

  • Reeve, J. (2002). Self-determination theory applied to educational settings. In E. L. Deci & R. M. Ryan (Eds.), Handbook of self-determination research (pp. 183–203). Rochester, NY: University of Rochester Press.