Lerntagebücher zur Unterstützung des Lernens zuhause

Yves Karlen, Marie Weißenfels, Franziska Perels

Fernunterricht ist eine Herausforderung für Schüler*innen, Eltern und Lehrkräfte gleichermaßen. Deshalb kann es hilfreich sein, die häuslichen Lernprozesse durch Strukturierung und Anleitung zur Selbstreflexion zu unterstützen. Denn die Schüler*innen müssen jeden Tag selbst die Aufgaben planen und ordnen, sich dazu motivieren, die vorgesehenen Aufgaben zu bearbeiten und sich von nichts und niemandem im Haus ablenken lassen. Dass dies häufig nicht so einfach ist, merken viele Familien zu Hause. Wir stellen Ihnen hier eine Möglichkeit vor, die bei häuslichen Lernprozessen unterstützen kann – egal ob bei Kindern in der Grund- oder weiterführenden Schule: Lerntagebücher.

 

Ziele von Lerntagebüchern

Das Ziel von Lerntagebüchern besteht darin, dass sich eine Schülerin oder ein Schüler in standardisierter Form schriftlich darüber klar wird, wie sie bzw. er mit den Schulaufgaben für einen bestimmten Tag umgehen soll. Das Lerntagebuch hilft durch das Niederschreiben der Ziele und Aufgaben, diese auch besser erreichen zu können. Die Schüler*innen können genau festlegen, was sie konkret an diesem Tag erledigen möchten und wann genau sie das machen möchten. Sie können sich darüber klarwerden, was sie motiviert und was nicht bzw. was sie vom Lernen abgelenkt hat und wie sie diesen Ablenkern begegnen können. Nachdem die Aufgaben erledigt sind, wird reflektiert: Habe ich heute meinen Plan eingehalten? Wenn nicht, warum nicht? Was könnte ich morgen anders machen?

Lerntagebücher sind also eine praktische Hilfestellung für Lernende – zu Hause und auch in der Schule. Denn auch dann, wenn der Unterricht wieder in der Schule stattfindet, können Lerntagebücher im Unterricht oder für spezifische Unterrichtsabschnitte eingesetzt werden, um die Schüler*innen beim Nachdenken und Beurteilen ihres eigenen Lernprozesses zu unterstützen. Auf diese Weise können sie ihren Lernprozess bewusst planen, ihre Lernfortschritte überprüfen und gegebenenfalls ihre Vorgehensweisen und Lernstrategien anpassen.

 

Aufbau von Lerntagebüchern

Anders als bei persönlichen Tagebüchern wird bei standardisierten Lerntagebüchern nur wenig frei geschrieben. Die meisten Fragen (Prompts), die im Lerntagebuch auftauchen, werden durch ein entsprechendes Kreuz beantwortet (Zustimmung oder Ablehnung). Häufig werden nur die Ziele für den Tag und die Konsequenzen für den Folgetag schriftlich niedergelegt. Für die Wirkungsweise von Lerntagebüchern ist es wichtig, dass sie über einen längeren Zeitraum ausgefüllt werden (mehrere Wochen). Deshalb ist es gut, die Bearbeitungszeit kurz zu halten. In der Regel sollte der Eintrag in ein Lerntagebuch nicht länger als 5-10 Minuten in Anspruch nehmen.

Zudem werden Lerntagebücher häufig in zwei Teile aufgeteilt: In einen Teil vor dem Lernen, in dem die Ziele festgelegt werden und nach der Planung und der Motivation gefragt wird, und in einen Teil nach dem Lernen, in dem das Vorgehen reflektiert, das Ergebnis bewertet und Konsequenzen für den folgenden Lernprozess gezogen werden.

Es kann sinnvoll sein, dass das Lerntagebuch täglich die gleichen Fragen (Prompts) enthält und die Schüler*innen die Lerntagebücher über einen längeren Zeitraum ausfüllen. Dadurch wird erwartet, dass sich das Lernverhalten entsprechend anpasst. Wenn ich z. B. jeden Tag danach gefragt werde, ob ich meinen Schreibtisch aufgeräumt habe, komme ich nach fünf Tagen vielleicht auf die Idee, meinen Schreibtisch tatsächlich aufzuräumen.

Die spezifische Gestaltung von Lerntagebüchern hängt einerseits von den genauen Zielen, andererseits von der Schüler*innengruppe ab: In welchem Alter sind die Schüler*innen, welche Erfahrungen mit selbständigem Lernen haben sie, ...? Je unerfahrener die Lernenden im Umgang mit Lerntagebüchern sind, desto kürzer und strukturierter sollten diese zu Beginn sein.

 

Einführung und Begleitung von Lerntagebüchern

Gezielt über sich selbst und den eigenen Lernprozess nachzudenken, und die dabei aufkommenden Gedanken schriftlich festzuhalten bzw. darüber systematisch zu reflektieren, ist nicht selbstverständlich, sondern erfordert Übung und Durchhaltevermögen. Damit verbunden ist auch das Alter bzw. der Entwicklungsstand der Schüler*innen zu beachten und folglich auch die Fähigkeit und Bereitschaft, über den Lernprozess nachzudenken.

Das Führen von Lerntagebüchern erfordert daher neben Bearbeitungszeit und der Begleitung eine sogfältige Einführung. Richtig eingeführt und angewendet, können Lerntagebücher den Lernerfolg der Schüler*innen erhöhen.

Bei der Einführung von Lerntagebüchern sind folgende Aspekte zu berücksichtigen:

  • Bei jüngeren Kindern mit kleinen und kurzen Tagebuchformen beginnen

  • Den Nutzen eines Lerntagebuches verdeutlichen

  • Funktionen und Ziele von Lerntagebüchern klar kommunizieren

  • Lerntagebücher über einen längeren Zeitraum (mehrere Wochen) anwenden

  • Die Reflexion durch Leitfragen (Prompts) anregen

 

Zusammenfassung: Worin liegen die Chancen und Möglichkeiten von solchen standardisierten Lerntagebüchern?

Lerntagebücher…

  • …erleichtern das Lernen zuhause, indem sie als Strukturgeber dienen können.

  • …fördern selbstständiges Lernen – eine übergreifende Kompetenz, die auch nach der Fernunterrichtszeit von Bedeutung ist.

  • …fördern eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem Lernstoff, indem die Reflexion der Lernprozesse gefördert wird.

  • …wirken sich positiv auf die Verarbeitungsqualität und das Behalten des Lernstoffs aus.

  • …haben empirisch nachweisbar positive Effekte auf die Leistungen.

  • …ermöglichen Einblicke in die eingesetzten Strategien und deren Nutzen für den Lernprozess.

  • …geben Hinweise zu lernprozessbegleitenden (hinderlichen und förderlichen) Emotionen.

  • …fördern die Selbstkontrolle des Lernens und des Lernerfolges und damit auch die Selbstwirksamkeit beim Lernen.

  • ...geben Einsicht in individuelle Verstehens- und Lernprozesse.

 

Ein standardisiertes Lerntagebuch für Schüler*innen im Grundschulalter und eines für Schüler*innen der Sekundarstufe sind hier zu finden. Diese Vorlagen können gerne verwendet werden, um den Schüler*innen das Lernen Zuhause zu erleichtern.

Lerntagebuch 1. - 6. Klasse downloaden
Lerntagebuch 7. - 9. Klasse downloaden

Selbsterstellte Lerntagebücher

Natürlich können Lerntagebücher auch selbst entwickelt werden. Dabei sollten folgende Informationen zum Antwortformat beachtet werden:

  • Freies und unangeleitetes Schreiben von Lerntagebucheinträgen – so wie wir das in unseren persönlichen Tagebüchern machen – hat meist keinen oder einen nur geringen Effekt auf das Lernen. Der Vorteil solcher Freiräume besteht jedoch darin, dass die Schüler*innen ihr Lerntagebuch entlang ihrer Bedürfnisse gestalten und eigene Schwerpunkte setzen können. 

  • Die Nutzung von Leitfragen (Prompts) kann sinnvoll sein, da sie die Lernenden beim gezielten Nachdenken und Schreiben leiten. Diesbezüglich konnten Studien aufzeigen, dass spezifische Leitfragen die Nutzung von Lernstrategien anregen und zu einer vertieften Auseinandersetzung mit einem Lerngegenstand führen. Zum einen können die Leifragen sehr offen formuliert sein und den Schüler*innen Freiheiten, z. B. hinsichtlich der Antwortlänge, lassen. Zum anderen können die Leifragen auch etwas enger gestaltet werden, so dass von den Lernenden offene Antworten in einer vorgegebenen Struktur verlangt werden (z. B. 1 Satz, 3-5 Stichwörter).

  • Eine weitere Variante besteht darin, zu stellen – so wie das bei den standardisierten Lerntagebüchern überwiegend gemacht wird (siehe oben bzw. die Beispiele).

 

Mögliche Leitfragen (Prompts)

Kognitive Prompts

  • Was weißt du bereits über dieses Thema?

  • Zu welchem Thema / in welchem Bereich möchtest du mehr erfahren?

  • Welche Lernstrategie / welches Vorgehen willst du zur Bearbeitung der Aufgaben anwenden?

 

Motivational-volitionale Prompts

  • Wie hast du es geschafft, mit der Aufgabe zu beginnen?

  • Wie konntest du dich gegen Ablenker abschirmen?

  • Was hat dir beim Lernen besonders viel Spaß gemacht?

  • Mit was bist du besonders zufrieden?

 

Metakognitive Prompts

  • Wie hast du deinen Lernprozess geplant?

  • Hast du alles erreicht, was du erreichen wolltest?

  • Bist du beim Lernen abgeschweift? Kannst du sagen, was der Auslöser war?

  • Welches Vorgehen / welche Lernstrategie hat besonders gut funktioniert?

  • Was willst du beim nächsten Lernen genauso machen? Was anders?

  • Welche Inhalte hast du sehr gut verstanden? Welche Inhalte hast du noch nicht (so gut) verstanden?

 

Quellen

  • Berthold, K., Nückles, M., & Renkl, A. (2007). Do learning protocols support learning strategies and outcomes? The role of cognitive and metacognitive prompts. Learning and Instruction, 17(5), 564-577.

  • Hascher, T. (2010). Lernen verstehen und begleiten - Welchen Beitrag leisten Tagebuch und Portfolio? In R. S. Jäger & U. Lissmann (Hrsg.), Lerntagebuch und Portfolio aus empirischer Sicht (S. 166-180). Landau: Verlag empirische Pädagogik.

  • Hübner, S., Nückles, M., & Renkl, A. (2010). Writing learning journals: Instructional support to overcome learning-strategy deficits. Learning and Instruction, 20(1), 18-29.

  • Renkl, A., Nückles, M., Schwonke, R., Holzäpfel, L., & Glogger, I. (2011). Das Lerntagebuch als Mittel zur formativen Diagnostik von schulischen Lernstrategien. In F. Pfänder (Hg.), Programm Bildungsforschung. Projektergebnisse (S. 13-30). Stuttgart: Baden-Württemberg Stiftung GmbH.

  • Schmitz, B., & Perels, F. (2011). Self-monitoring of self-regulation during math homework behaviour using standardized diaries. Metacognition and Learning, 6, 255-273.