Mit projektartigen Arbeiten das selbstregulierte Lernen fördern

Yves Karlen, Claudia Zimmerli-Rüetschi

«Projektartige Arbeiten bieten Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit,

sich selbstständig, aber dennoch begleitet durch die Lehrperson,

über eine vorab definierte Zeitspanne mit einer eigenen Aufgabenstellung auseinanderzusetzen

und dabei fachliche und überfachliche Kompetenzen zu erwerben.»

 

Bei projektartigen Arbeiten werden in der Auseinandersetzung mit einem fachlichen Inhalt überfachliche Kompetenzen, wie zum Beispiel Selbstständigkeit, Organisationfähigkeit, Strategienutzung und Durchhaltevermögen, gefördert und gefordert. Durch die Betrachtung und Bearbeitung von Inhalten in ihrer gesamten Komplexität, das vernetzte Denken und die Reflexion der eigenen Vorgehensweise, stellen solche Arbeiten hohe Anforderungen an die Schülerinnen und Schüler. Es sind folglich vielfältige Kompetenzen gefordert, um anforderungsreiche projektartige Arbeiten bewältigen zu können. Deshalb unterstützen klare Strukturen und eine kontinuierliche Lernprozessbegleitung durch die Lehrperson das Vorhaben der Schülerinnen und Schüler.

 

Bei projektartigen Arbeiten lernen die Schülerinnen und Schüler alleine oder in Kleingruppen die wichtigsten Arbeitsschritte von der Themenfindung, der Projektplanung, deren Durchführung bis hin zur Projektevaluation kennen. Sie wählen basierend auf ihren Interessen und Neigungen eine Fragestellung, welcher sie nachgehen möchten und definieren für sich klare Lernziele. Projektartige Arbeiten bietet die Chance, dass die Schülerinnen und Schüler eine Lernaufgabe ihrem Können und ihren Kompetenzen entsprechend auswählen und erfolgreich bewältigen.

 

Grosse Bedeutung der Lernprozessbegleitung

Bei projektartigen Arbeiten nimmt die individuelle Lernprozessbegleitung durch die Lehrperson über den gesamten Entstehungsprozess eine zentrale Funktion ein. In einem ersten Gespräch ist es zentral, Transparenz in Bezug auf die Anforderungen zu schaffen (z. B. Klärung der Beurteilungskriterien, Kommunikation der Erwartungen, Klärung des Zeithorizonts, Hinweise in Bezug auf den Umfang, etc.). Die Zielsetzung des Projektes soll (gemeinsam) entwickelt und in einer Arbeitsvereinbarung festgehalten werden, so dass den Lernenden in grösstmöglicher Eigenverantwortung die Bearbeitung einer präzisen und realistischen Fragestellung ermöglicht wird. In einem nächsten Schritt werden die Schülerinnen und Schüler bei der Informationsbeschaffung, Materialsammlung und -verarbeitung unterstützt. Während der Umsetzung des Projektes helfen Meilensteine und regelmässige Besprechungen den Schülerinnen und Schülern, den Lern- und Arbeitsprozess zu strukturieren und erfolgreich zu bewältigen. Wenn Lehrpersonen hierbei kontinuierlich in einen kooperativen, konstruktiven Dialog mit den Schülerinnen und Schülern treten, können sie diese bei Herausforderungen oder Schwierigkeiten gezielt und rechtzeitig unterstützen. Mittels zielführendem Feedback zum individuellen Lernprozess wird dafür gesorgt, dass die Schülerinnen und Schüler Lernfortschritte erzielen können.

 

Wie erhält die Lehrperson Einblicke in die Lernprozesse ihrer Schülerinnen und Schüler?

Verschiedene digitale Tools, welche einen regen Austausch zwischen den Schülerinnen und Schülern und der Lehrperson ermöglichen, können die Kommunikation erleichtern und Informationen zum aktuellen Lernstand der Schülerinnen und Schüler liefern. Dafür können beispielsweise Online-Lerntagebücher/Projektjournale (z. B. mit OneNote oder einen Blog) genutzt werden. Aber auch Projektmanagement-Tools (z. B. Trello, Slack, Microsoft Teams) bieten diese Möglichkeiten. Das von den Schülerinnen und Schülern genutzte digitale Tool (z. B. Online-Lerntagebuch) soll regelmässig geführt/ausgefüllt werden. Die Lehrpersonen erhalten damit die Möglichkeit, die Lernprozesse ihrer Schülerinnen und Schüler aus der Ferne zu beobachten, mittels Kommentaren und Rückfragen kontinuierlich Feedback zu geben und bei Bedarf unterstützend einzugreifen. Schülerinnen und Schüler werden dadurch in ihrem Tun explizit wahrgenommen, was ihnen Sicherheit bietet und motivierend wirkt. Zugleich bietet ein solches Tool den Lernenden die Möglichkeit, sich mit ihren Fragen direkt an die Lehrperson zu wenden.

 

Möglicher Projektablauf in fünf Schritten

 

  1. Themenfindung. Ausgangspunkt für die Themenfindung sind die individuellen Interessen der Schülerinnen und Schüler. Lehrpersonen ermutigen die Lernenden, ihre Komfortzone zu verlassen, Risiken einzugehen und Unsicherheiten auszuhalten. Die Realisierbarkeit der individuellen Projekte steht jedoch stets im Zentrum. Dafür ist es wichtig, die Grenzen und Möglichkeiten der Informations- und Materialbeschaffung einerseits sowie der Werkzeuge und Arbeitsräume andererseits zu berücksichtigen (z. B. Schulwerkstätten sind während Corona nicht zugänglich, die Schülerinnen und Schüler haben nur beschränkten Zugang zu Bibliotheken, Do-it-/Baumaterialgeschäfte sind geschlossen).

  2. Zielgerichtete Projektplanung und –vereinbarung. Mit den Schülerinnen und Schülern wird in einem Gespräch die Arbeitsvereinbarung unterzeichnet und die Projektplanung kritisch beleuchtet. Im Zentrum der Arbeitsvereinbarung steht eine präzise und realistische Fragestellung, die grösstmöglich oder zunehmend eigenständig bearbeitet werden soll. Zielsetzungen werden entsprechend dem Können und den Interessen der Lernenden formuliert. Es wird festgehalten, welches Endprodukt angestrebt wird. Verbindliche Meilensteine werden vereinbart, um dadurch den Arbeitsprozess zu strukturieren.

  3. Durchführung des Projektes. In dieser Phase sammeln die Schülerinnen und Schüler Informationen, ordnen diese, werten sie aus und beurteilen sie kritisch. Es werden gegebenenfalls Pläne entworfen, Materialien besorgt und es erfolgt eine handwerkliche Umsetzung des Vorhabens. Der Lern- und Arbeitsprozess wird mittels schriftlicher Einträge im «Projekt-Journal / Lerntagebuch» festgehalten, kann aber ergänzend auch mit Fotos und Videos dokumentiert werden. Die Lehrperson führt regelmässige Lerngespräche mit den Lernenden. Das Endprodukt sowie die «Projekt-Dokumentation» wird fertiggestellt.

  4. Präsentation des Projektes. Präsentationen können sowohl vor Ort als auch über alternative digitale Formen (bspw. Videopräsentation, live stream, Blog, Portfolio) durchgeführt werden, falls die Schule geschlossen ist. Definieren Sie Form, Umfang und Datum der Präsentation im Vorfeld. In der Präsentation sollen das Endprodukt sowie die wichtigsten Erkenntnisse aus dem Arbeitsprozess vorgestellt werden.

  5. Evaluation und Reflexion des Projektes. Gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern wird das Projekt rückblickend besprochen. Es sollen gemeinsam Schlussfolgerungen auf der Basis der gemachten Erfahrungen für kommende projektartige Vorhaben gezogen und notiert werden. Eine wichtige Rolle kommt hierbei auch der Selbsteinschätzung sowie dem Peerfeedback zu.

 

Das Projekt wird über die gesamte Entstehung- und Arbeitsphase dokumentiert und reflektiert:

a) Schriftliche Projekt-Dokumentation

Die Projekt-Dokumentation entspricht der Verschriftlichung des Projektes. Bei theoretischen Arbeiten ist diese in der Regel umfangreicher als bei praktischen Arbeiten und stellt zugleich das «Produkt» dar. Bei der praktischen Arbeit stellt die Projekt-Dokumentation die schriftliche Kommentierung des Produktes dar, die den Entstehungsprozess, die Grundideen (Fragestellung) und die Ergebnisse aufzeigt und erläutert.

 

b) Projektjournal / Lerntagebuch

Im Lerntagebuch dokumentieren die Schülerinnen und Schüler ihren Lern- und Arbeitsprozess. Sie halten Gedanken, Überlegungen und Entschlüsse fest und reflektieren ihre Gedankengänge, Vorgehensweisen und die dabei gemachten Erfahrungen. Mit Hilfe eines Lerntagebuchs lässt sich der gesamte Lern- und Arbeitsprozess nachvollziehen und ermöglicht der betreuenden Lehrperson somit eine adäquate Beurteilung des Lern- und Arbeitsprozesses. Das Lernjournal stellt die Grundlage für die Lerngespräche, die schriftliche Dokumentation des Arbeitsprozesses und schliesslich auch für die Prozessbeurteilung dar. Sorgfältig angewendet, können die Reflexionen den Lernerfolg der Schülerinnen und Schüler erhöhen. Lerntagebücher geben der wenig strukturierten Lernumgebung einer Projektarbeit Struktur. Gezielt über sich selbst und seinen Lern- und Arbeitsprozess nachzudenken und die herbei entstandenen Gedanken zu verschriftlichen, ist anspruchsvoll und erfordert neben sprachlichen Fähigkeiten und metakognitiven Kompetenzen auch viel Durchhaltewillen. Deshalb sind Lerntagebücher idealerweise im Vorfeld einzuführen (Informationen zur Einführung und Umsetzung von Lerntagebüchern finden Sie im Themenbeitrag «Lerntagebücher»).

 

Chancen von projektartigen Arbeiten

Für Schülerinnen und Schüler bieten projektartige Arbeiten die Chance,

  1. individuelle Kompetenzen in verschiedenen Bereichen zu erfahren und zu erweitern,

  2. eigene Interessen zu verfolgen und Autonomie zu erleben,

  3. überfachliche Kompetenzen – insbesondere in der Selbstregulation des Lernens – zu erwerben, anzuwenden und zu erweitern,

  4. Erfahrungen im Hinblick auf zukünftige, grössere Projektarbeiten (u. a. Projektunterricht am Ende der Sekundarstufe I, Facharbeiten auf der Sekundarstufe II) zu sammeln.

 

Für Lehrperson bieten projektartige Arbeiten die Chance,

  1. die individuellen Lernprozesse vertieft zu begleiten,

  2. den Schülerinnen und Schülern Verantwortung für ihr Lernen zu übertragen,

  3. einen Einblick in das Arbeitsverhalten und Denken der Schülerinnen und Schüler zu erhalten.

 

Zentrale Fragen für Lehrpersonen zu projektartigen Arbeiten

  • Möchte ich das Projekt alleine oder in Kooperation mit einer anderen Lehrperson aus meinem Team durchführen?

  • Wie kann ich meine Schülerinnen und Schüler fordern, ohne sie zu überfordern? Wie finden die Schülerinnen und Schüler anregende Aufgabenstellungen?

  • Wie strukturiere ich die Arbeit im Projekt?

  • Wie kann ich als Lehrperson die Schülerinnen und Schüler bei der Informationsbeschaffung und Materialsammlung gezielt unterstützen?

  • Wie kann ich kontinuierlich mit den Schülerinnen und Schüler in Kontakt bleiben? Wie erhalte ich Einblicke in die Lernprozesse?

  • Wie können sich Schülerinnen und Schüler selbstwirksam erleben? Worin muss ich sie gezielt unterstützen? In welchen Bereichen kann ich sie selbstständig arbeiten lassen? Was liegt in meiner Verantwortung? Was liegt in der Verantwortung meiner Schülerinnen und Schüler?

  • Welches Gewicht kommt der Arbeits- und Lernprozessdokumentation bei der Bewertung der projektartigen Arbeit zu?

  • Welche Formen der Präsentationen sollen zugelassen werden?

Wie informiere ich die Eltern über das geplante Projekt? Welche Rolle nehmen Eltern bei der Projektbegleitung ein?

Quellen

  • Gudjons, H. (2014). Handlungsorientiert lehren und lernen (8. Aufl.). Bad Heilbrunn: Julius Klinkhardt.

  • Hascher, T. (2010). Lernen verstehen und begleiten - Welchen Beitrag leisten Tagebuch und Portfolio? In R. S. Jäger & U. Lissmann (Eds.), Lerntagebuch und Portfolio aus empirischer Sicht (Vol. 27, pp. 166 - 180). Landau: Verlag empirische Pädagogik.

  • Renkl, A., Nückles, M., Schwonke, R., Holzäpfel, L., & Glogger, I. (2011). Das Lerntagebuch als Mittel zur formativen Diagnostik von schulischen Lernstrategien. In F. Pfänder (Ed.), Programm Bildungsforschung. Projektergebnisse (pp. 13 - 30). Stuttgart: Baden-Württemberg Stiftung.

  • Zimmerli, C. (in press). Projektunterricht als Unterrichtsentwicklungsprojekt. In S. Marti (Hg.), Wirksamer Projektunterricht. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren.