Was ist ein growth Mindset?

Miriam Compagnoni

"Wieso lernen einige Schülerinnen und Schüler aus Fehlern und nehmen Herausforderungen an, während andere aufgeben, wenn es schwierig wird?"

Es gibt Menschen, die dazu tendieren, ihre eigene Intelligenz, Persönlichkeit oder fachspezifischen Fähigkeiten als etwas eher Statisches zu sehen. Als angeborenes Talent, als Stärke oder Schwäche, die man nur begrenzt verändern kann. Schüler und Schülerinnen, die ein solches "fixes Mindset" haben, suchen nach Gelegenheiten, bei denen sie ihre Fähigkeiten unter Beweis stellen können, während sie Situationen vermeiden, in denen ihre Schwächen aufgedeckt werden könnten. Das führt dazu, dass diese Schülerinnen und Schüler eher versucht sind aufzugeben, wenn es schwierig wird, Herausforderungen vermeiden und Fehler als Misserfolge erleben. Aber es gibt auch eine andere Sicht auf Fähigkeiten, bei der die momentanen Eigenschaften nur als Ausgangspunkt für die Entwicklung gesehen werden. Ein solches "growth Mindset" basiert auf der Überzeugung, dass Intelligenz, Persönlichkeit und fachspezifische Fähigkeiten Dinge sind, die durch Lernen kultiviert werden können. Schülerinnen und Schüler mit einem growth Mindset zeigen deshalb eher eine Lernzielorientierung, wählen herausfordernde Aufgaben, zeigen mehr Durchhaltewille und bessere, vielfältigere Selbstregulationsstrategien. Fehler und Anstrengung sind für sie kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Zeichen für Lernprozesse.

 

Spielen solche Mindsets wirklich eine Rolle fürs Lernen?

Schüler und Schülerinnen mit fixen und growth Mindsets unterscheiden sich zu Beginn der Schullaufbahn zwar oft nicht in ihren Leistungen, aber zahlreiche internationale Studien zeigen, dass ein growth Mindset längerfristig viele Vorteile hat. Wenn Herausforderungen anstehen, wie beispielsweise bei Übergängen in höhere Schulstufen oder auch für leistungsschwache Kinder, ist ein growth Mindset mit besseren Leistungen, einer Lernzielorientierung, besserem Umgang mit Kritik und besserem selbstregulierten Lernen verbunden. Sogar neuropsychologische Befunde zeigen, dass Kinder mit einem fixen Mindset nach negativem Feedback weniger Aktivität in Hirnarealen zeigten, die mit dem Lernen aus Fehlern assoziiert sind. Die Sicht auf Fähigkeiten als veränderbar ist essentiell für lebenslanges Lernen zu sein und kann verändert werden. Interventionsstudien zeigen, dass schon relativ kurze Inputs langfristige positive Veränderungen bewirken können.

Was können Lehrpersonen tun und wollen sie das auch?

In den USA hat das Konzept der "growth Mindsets" und "growth Classrooms" Schulen im Sturm erobert. Laut einer amerikanischen Studie im Jahr 2016 (Education Week Research Center) glauben 98% der Lehrpersonen, dass die Integration eines growth Mindsets in ihren Unterricht das Lernen der Schülerinnen und Schüler positiv beeinflussen würde, aber nur 20% fühlen sich kompetent dazu. Auf Basis bisheriger Interventions- und Längsschnittstudien können folgende Tipps und Massnahmen für den Unterricht abgeleitet werden.

1. Loben Sie wenn immer möglich nicht die Person "Du bist sehr talentiert!", denn das führt dazu, dass bei einem Misserfolg die ganze Person in Frage gestellt wird. Loben Sie die Tätigkeit, das Engagement, das Finden von Lösungen oder die angewendeten Strategien "Super, dass du den Text vor der Abgabe nochmals durchgelesen hast!".

 

2. Achten Sie auf ihr Feedback auf schlechte Leistungen: Gut gemeinter Trost kann ein fixes Mindset fördern, wenn dabei die Botschaft vermittelt wird, dass die schlechte Leistung auf Grund einer kaum veränderbaren Schwäche beruht. Vermeiden Sie Aussagen wie "Das ist nicht deine Stärke, dafür bist du gut in Mathe." oder "Nicht jeder ist der geborene Schriftsteller." Geben Sie wenn möglich förderorientiertes Feedback mit Fokus auf den Lernprozess oder die Aufgabe "Versuche beim nächsten Mal die direkte Rede etwas sparsamer einzusetzen, dann wird dein Text leichter verständlich."

 

3. Vermitteln Sie die Funktionsweise des Gehirns als äussert plastisches Netzwerk an Neuronen, dass sich lebenslang verändern kann. Schülerinnen und Schüler sollten verstehen, dass anstrengende Lernprozesse bedeuten, dass das Hirn sich verändert. Dass alle unsere kulturellen Fähigkeiten durch zeitintensives Training erlernt und nicht angeboren sind. Es mag sein, dass der Einsatz für verschieden Individuen unterschiedlich ist und stark von Vorerfahrungen abhängt, aber schlussendlich unterscheiden sich auch die weltbesten Musiker der Berliner Philharmonie in der Anzahl Übungsstunden, die sie seit Geburt investiert haben. (Kommerzielle Online-Programme, wie das Brainology®-Programm sind bisher nur auf Englisch verfügbar)

 

4. Reflektieren Sie ihr eignes Mindset (https://www.mindsetworks.com/assess/) und ihren Umgang mit Fehlern. Sehen Sie Fehler (eigene und die ihrer Schüler und Schülerinnen) als Ansatzpunkt für Lernprozesse und nicht als summative Bestätigung der Fähigkeiten.

 

5. Erwarten Sie kein fehlerfreies Arbeiten. Das vermittelt die Botschaft, dass Fehler nicht erwünscht sind. Schülerinnen und Schüler könnten dadurch herausfordernde Aufgaben vermeiden. Vielleicht kommentieren Sie fehlerfreie Arbeiten besser einmal mit "Das war wohl etwas zu einfach für dich".

 

6. Achten Sie in ausgewählter Literatur auf die Mindsets der Protagonisten und diskutieren sie diese in der Klasse. Denn viele Serien von Kinder- und Jugendbüchern operieren mit stereotypisierten Charakteren und den dazu passenden Fähigkeiten, die sich über den Verlauf des Buches kaum entwickeln und verändern. Denken sie nur an die ??? mit dem Sport-Ass Peter, dem schlauen Justus und dem Bücherwurm Bob.

 

7. Vermeiden Sie Stereotypisierungen - auch wenn sie positiv gemeint sind (z. B. "Diese Aufgabe liegt den Jungs." oder "Darin sind die Mädchen besonders gut."). Stereotypisierung führt dazu, dass Leistungen bestimmten festen Kategorien zugeschrieben werden und nicht dem eigenen Lernprozess, was sehr subtil die Leistung unterminieren kann.

 

8. Lassen Sie in der Klasse nicht nur fertige Produkte und Erfolge präsentieren, sondern lassen sie Raum für Gespräche über Schwierigkeiten, Herausforderungen und Lernprozesse.

 

9. Seien Sie sensibel für sprachliche Botschaften Ihrer Schülerinnen und Schüler und versuchen Sie diese zu ändern.

Anstatt ...

FIXED MINDSET

Ich bin so talentiert.

Ich bleib bei dem was ich kann. Entweder liegt es mir oder eben nicht.

Zu anstrengend - das ist Zeitverschwendung.

Ich kann das nicht. Ich gebe auf.

Die schlechte Note zeigt, dass dieses Fach nicht mein Ding ist. Ich wusste, dass ich das nicht kann.

Die guten Leistungen anderer, sehe ich als Bedrohung.

Besser ...

GROWTH MINDSET

Ich habe das richtig gut gelernt.

Ich will neue Dinge lernen, auch wenn es herausfordernd ist.

Das ist anstrengend - aber dafür lerne ich etwas.

Ich kann das noch nicht. Ich versuche mal eine andere Strategie.

Die schlechte Note zeigt, dass ich das noch nicht kann. Ich weiss nun, was ich verändern muss.

Die gute Leistung anderer, sehe ich als Ansporn.

Quellen

  • Blackwell, L., Trzesniewski, K., & Dweck, C. (2007, Jan-Feb). Implicit theories of intelligence predict achievement across an adolescent transition: A longitudinal study and an intervention. Child Development, 78(1), 246-263. https://doi.org/DOI 10.1111/j.1467-8624.2007.00995.x

  • Burnette, J. L., O'Boyle, E. H., VanEpps, E. M., Pollack, J. M., & Finkel, E. J. (2013, May). Mind-Sets Matter: A Meta-Analytic Review of Implicit Theories and Self-Regulation. Psychological Bulletin, 139(3), 655-701. https://doi.org/Doi 10.1037/A0029531

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  • Mangels, J. A., Butterfield, B., Lamb, J., Good, C., & Dweck, C. (2006, Sep). Why do beliefs about intelligence influence learning success? A social cognitive neuroscience model. Social Cognitive and Affective Neuroscience, 1(2), 75-86. https://doi.org/DOI 10.1093/scan/nsl013

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  • Spinath, B., & Freiberger, V. (2011). Implizite Theorien und Selbstkonzepte. In F. Hellmich (Ed.), Selbstkonzepte im Grundschulalter Modelle, empirische Ergebnisse, pädagogische Konsequenzen (pp. 100-116). Kohlhammer.